Rede im Filmmuseum zur Eröffnung

der „kleinen Werkausstellung" in Düsseldorf am 09.Mai 2025

Herr Thomas Ochs, der Leiter des Düsseldorfer Filmarchivs, sprach einige einführende Worte, in der er besonders die Wichtigkeit und den Umfang des Archivmaterials hervorhob und sich bei mir nochmals für die Leihgabe bedankte. Danach folgte eine kurze Rede des Verantwortlichen für die Ausstellung – und anschließend konnte auch ich meinen Dank über die Ausstellung und die Übernahme unseres CIRCE-FILM-Archivs aussprechen.


Rede Elke Jonigkeit

Zunächst erst einmal: Dankeschön lieber Herr Ochs! Sie waren seinerzeit erfreut darüber, aus unseren Kellern in Lohmar-Durbusch nicht nur unsere Filme holen zu können, sondern auch Arbeitsgeräte – und vor allem - die sehr vielen Jaufen, in denen die 35 mm Filme ihre Reise aus den russischen und weißrussischen Archiven zu uns nach Düsselorf zurücklegten.

Bedanken möchte ich mich auch für das Datum, an dem diese Ausstellung stattfindet. Die Tage 7., 8. und jetzt auch 9. Mai waren für Hartmut und mich immer bedeutsame Tage. Hartmut hat am 7. Mai Geburtstag und wäre vor 2 Tagen 81 Jahre alt geworden – die Ausstellung ist ein schönes Geschenk für ihn.

Am 8. Mai gedenken wir – die Deutschen und der sogenannte Westen – an die Befreiung vom Nationalsozialismus. In diesem Jahr – und das gerade zum 80 Gedenktag – werden die Feierstunden überschattet vom Krieg gegen die Ukraine.

Mich persönlich schmerzt es sehr, dass unsere Politiker (beider Regierungen, der vorangegangenen und der jetzigen) die russischen und weißrussischen Vertreter von den offiziellen Gedenkfeiern ausgeschlossen haben. Und, sie haben dieses sogar in einer „Handreichung“ an alle Entscheidungsträger weitergegeben.

Ich wohne jetzt etwas länger als zwei Jahre in Berlin – weit im Osten, sozusagen im östlichsten Teil von Berlin. Hier habe ich Menschen kennengelernt, die eine besondere Nähe zu unseren östlichen Nachbarn empfinden, die uns – die wir im Westen sozialisiert wurden – fremd ist.
Die Menschen, die in der ehemaligen DDR aufwuchsen haben russisch gelernt, sie haben in Moskau, Minsk oder Leningrad studiert oder dort gearbeitet, Freundschaften geschlossen und sind Liebesbeziehungen eingegangen. Im Osten hat man noch nicht ganz vergessen, wieviel Kraft und Menschenleben die Völker der damaligen Sowjetunion aufgeboten haben, um den Nationalsozialismus aus Deutschland zu vertreiben.

In Zahlen ausgedrückt: 35 Millionen Soldaten und Soldatinnen musste die Sowjetunion mobilisieren, um Hitlers Armee auf dem Weg nach Berlin zu besiegen und Deutschland und ganz Europa vom Nazi-Regime zu befreien. 27 Millionen von ihnen sind dabei ums Leben gekommen.

An diese vielen Toten erinnern hier „an jeder Ecke“ Ehrenmale, Friedhöfe, Gedenkstätten – mal größer oder kleiner.
Gott sei Dank halten sich nicht alle Verantwortlichen (z. B. Bürgermeister und andere) an diese „Handreichung“ der Regierung und begehen gemeinsam mit ihren russischen und weißrussischen Freunden und deren offiziellen Vertretern den 80. Jahrestag der Befreiung.
Auf den sogenannten „unteren Ebenen“ kann man noch die Vergangenheit von der aktuellen Politik unterscheiden. Vielen Dank an all jene, die sich dem wiederauflebenden Hass auf „die Russen“ entgegenstemmen.

Am 9. Mai – also heute – feiert Russland den „Tag des Sieges“ – immer einen Tag später als wir. Die offizielle Unterschrift im Berliner Hauptquartier Karlshorst erfolgte nach russischer Zeit erst nach Mitternacht – also am 09. Mai.
Hartmuts Film „Steh auf, es ist Krieg“ thematisiert die deutschen Verbrechen der Heeresgruppe Mitte auf sowjetischen Boden. Wir drehten ihn 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. (1941).
 

Im Vorfeld gab es heftige Auseinandersetzungen der TV-Sender – schließlich entschied die ARD, ihn doch zu senden – aber nicht im 1. sondern nur im 3. Programm. Schon damals wollten unsere Entscheidungsträger nichts von den Verbrechen der Deutschen in Russland – speziell der „einfachen Wehrmachtssoldaten“ - wissen.
Das zeigte sich dann auch 1991 beim Empfang der sowjetischen Botschaft in Bonn zu Ehren des Films „Steh auf, es ist Krieg“.  Von deutscher Seite war niemand gekommen, nicht die Vertreter der produzierenden TV-Sender, kein Bürgermeister oder sonst jemand, der die BRD hätte vertreten können.

Heute erkenne ich dieses Denken erneut – und ich frage mich, gibt es in Deutschland immer noch – oder wieder – Kräfte, die die Befreiung vom Nationalsozialismus am 8./9. Mai 1945 als Niederlage ansehen?

Im Filmarchiv Düsseldorf lagert – Dank des beherzten Zugreifens von Herrn Ochs – jetzt umfangreiches Film- und Fotomaterial aus den russischen und weißrussischen – und andern kleineren – Archiven! So können Sie sich selbst ein authentisches Bild von der Vergangenheit machen.


Hier einige Stichworte zu den Anekdoten während der Recherche in den Archiven, die ich frei erzählte.

1. Mitarbeiterinnen des Archivs überschütteten uns mit Material – immer kam jemand und meinte, dies und jenes sei auch interessant.

2. Die Mitarbeiter versorgten uns mit heißem Tee und belegten Broten – das war 1988/89 sehr wichtig – damals gab es nur sehr wenig zu essen.
Geschichte vom Kaviar:

3. Koffer voll Geld – Bezahlung direkt an die Angestellten. Große Freude!

4. Alle Restaurants im Hotel Rossia waren geschlossen.

5. Archivdirektor Weißrussland: zwei Etagen seines Archiv-Hochhauses in Minsk umfunktioniert als Gartenfläche, damit die Mitarbeiter Kartoffeln und Tomaten anbauen können.

6 Jan (Dolmetscher und wichtiger Mitarbeiter) brachte die Jaufen in mehreren Fahrten von Moskau nach Düsseldorf. Er verbrüderte sich jedes Mal mit dem diensthabenden Schaffner – beide tranken auf der langen fahrt von Moskau nach Düsseldorf viel, zu viel. Dank dieser Zugfreundschaft konnten alle Jaufen – gefüllt mit dem kostbaren Filmmaterial - unbeschadet die Grenzen passieren.